Unternehmer-Porträt: Aldi-Chef Marc Heußinger unter der Lupe

27.07.2018 08:00 | Ein Unternehmen gründen

porträt marc heußinger

Marc Heußinger ist erneut Vorstandschef bei Aldi-Nord geworden und hat gute Chancen, den Familienstreit zu überstehen. Zwar gilt der qua Gerichtsentscheid jüngst als beigelegt, doch man weiß ja nie, ob er nicht wieder aufflammt. Dabei pflegen die beiden Konzerne nahezu verwandtschaftlich zu nennende Beziehungen, im Hintergrund aber sitzt immer noch jemand, der auch ein Machtwort sprechen könnte. Sind diesem Umstand Bestrebungen zum Aufpolieren des leicht angestaubten Images zu verdanken?

Marc Heußinger will für einen umwerfenden Wandel sorgen

Ob das überhaupt gelingen kann, muss die Entwicklung zeigen. Lidl schläft nicht, und andere tun es genauso wenig. Skeptiker argwöhnen, dass die geplante und schon ansatzweise umgesetzte Renovierung eine große Gaudi werden könnte, Kunden erwarten Markentreue. Die Gefahr besteht, dass sie sich kaum wiederfinden in eleganten Fluren, die eher an Event-Gastronomie erinnern, als das gewohnte Einkaufserlebnis weiterhin zu garantieren. Wer käme schon auf die Idee, dass es bei Aldi jetzt Toilettenhäuschen gibt? Markenware kostet, sie wirkungsvoll zu installieren auch. Marc Heußinger hat sich viel vorgenommen, wiewohl er das sicher nicht ganz freiwillig tut. Wenn einer aus der altbekannten Riege sich hervorzuheben anschickt, müssen die anderen nachziehen.

Ist der Umschwung mit Marc Heußinger zu schaffen?

So mancher hat schon überlegt, ob er statt seiner regelmäßigen Einkehr beim grau gewordenen Aldi dem aufgefrischten Lidl-Konzept ein paar Meter weiter seine Reverenz erweisen sollte. Es fragt sich, ob die Reaktion auf Offensiven nicht ein wenig spät erfolgt. Und außerdem wäre sie ja auch zu stemmen. Mit gestiegenen Rohstoffkosten allein lässt sich die Preiserhöhung kaum begründen, das wollen viele gar nicht wissen. Zu befürchten bleibt, dass eine Abwanderung in Richtung der Drogeriemarktketten stattfinden wird. Mehr Kundenbindung durch neue Glitzerwelten – das muss nicht funktionieren. Marc Heußinger ist indes entschlossen, den bereits eingeschlagenen Weg auch weiterhin zu gehen. Zu tun wäre noch einiges, um sich wirksam zu verjüngen.

Das Stammpublikum noch gezielter umwerben

Mit dem Aufstellen von Backautomaten ist es kaum getan, gerade in diesem Bereich hat das Franchising Discounter schon um Längen geschlagen. Zwar wäre es an der Zeit dafür, die treue Kundschaft noch ein bisschen mehr als nur mit Frischfleisch zu verwöhnen, doch die Offerte muss auch angenommen werden. Man kann nicht gleichzeitig auf Einfachheit beharren und mit einer ungewollten Vielfalt um sich werfen. Betrachten wir es zunächst als Versuch, um Akzeptanzen auszuloten, damit sich daraus ein einheitliches Bild formen möge. Allein: Die bereits umgestalteten Ladenlokale sind kaum noch wegzudenken, man könnte die teure Maßnahme wohl aber stoppen und einer Art Zwei-Klassen-System auf die Beine helfen.

Keine Absichten in Richtung Franchising

Man weiß es nicht so ganz genau, was in den Köpfen deren vor sich geht, die Maßgebliches zu entscheiden haben. Dass ein Teil der Verantwortung auf geeignete Franchisenehmer übertragen würde, scheint zum jetzigen Zeitpunkt allerdings weitgehend ausgeschlossen. Ob Aldi sich eines schönen Tages dazu veranlasst fühlen könnte, muss abgewartet werden. Es war auch kaum abzusehen, welcher der beiden Brüder als Erster das Zeitliche segnen würde, schon eher, dass ein von ihm begründetes Unternehmen weiterhin Bestand haben sollte. Unter die Lupe nehmen lässt sich der Vorstandschef nicht gern, er wird an seinen Taten gemessen. Dennoch sickert ab und an ein wenig durch.

Nach drei Jahrzehnten Aufbauarbeit

Der Ostwestfale hat im relativ nah gelegenen Münster promoviert, nachdem er zunächst diplomierter Kaufmann und dann wissenschaftlicher Mitarbeiter geworden war. Doch unmittelbar nach Veröffentlichen seiner Dissertation über den Textilhandel hielt es ihn nicht länger in akademischen Gefilden, er stieg bei Aldi ein. Das ist nun dreißig Jahre her – Zeit genug für eine radikale Kehrtwendung, die eherne Prinzipien auf den Kopf zu stellen beabsichtigt. Nun wachsen ja auch Nutzer nach, ob man sie jedoch nicht eher hätte abholen müssen ist eine Frage, die keiner weiteren Klärung bedarf. Die Klientel in Aldihallen ist altersmäßig gut durchmischt.

Zielgruppe wächst unermesslich

Und längst nicht so jung wie in der Werbung dargestellt. Es macht den Eindruck, als zielte man verstärkt auf Kleinfamilien ab, die auf den Cent nicht allzu sehr schauen müssen, aber sehr gesundheitsbewusst sind und es praktisch haben wollen. Auch in anderen Kreisen gilt es als schick, gelegentlich bei Aldi reinzuschauen, um zu sehen, was sich dort getan hat. Das hält sich gleichwohl in Grenzen, wenn auch immer wieder mal ein Schnäppchen zu machen ist. Wer dabei jedoch systematisch vorgehen will, hat einiges zu tun. Und ein durch intensives Prospektstudium ausgelöster Andrang kann manchen auch abschrecken. So etwas ist nun mal nicht jedermanns Sache.

Die Lasten der Vergangenheit

Im Prinzip ist das Startsignal zur Richtungsänderung gefallen, doch die Anwälte streiten nach wie vor. Es ist fast so, als sollte eine Beschlussfähigkeit verhindert werden. Vor allem muss die Frage der Kompetenz von jemandem geklärt werden, der nichts mehr zu sagen hat. Albrechts Erbe lastet schwer auch auf den Schultern desjenigen, der einen Karren aus dem Dreck ziehen will. Dabei geht es Aldi doch an sich sehr gut, was nicht zuletzt dem Einsatz zahlreicher Mitarbeiter geschuldet ist. Sie haben wenig Spielraum dafür, sich zu zerstreiten, ein erbittert geführter familiärer Zwist wird indes mit erheblicher Breitenwirkung ausgetragen.

Skandale befeuern Image

Kein Wunder, dass man bemüht ist, möglichst viel unter dem Deckel zu halten, wenn schon haufenweise schmutzige Wäsche ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt wird. Stellenweise sah man sich dazu veranlasst, abgelegte Fernsehserien aufgelebt zu feiern, doch Texas ist mit dem Ruhrgebiet nur ansatzweise vergleichbar. Gelegentlich aber ähneln sich Auftritte derart, dass man meinen könnte, die Akteure hätten dort gelernt. Stattdessen sollte man andere Konsequenzen aus seiner Vorgeschichte ziehen, die danach verlangt, weitergeschrieben zu werden. Das ist die Aufgabe desjenigen, der wiederholt ans Ruder gesetzt worden ist.

Lieber zurückstecken?

Generationenwechsel sind immer schwierig im erweiterten Familienbetrieb. Was die Alten geleistet haben, ist oft nicht zu überbieten und erst recht nicht zu wiederholen. Mitunter sucht man dann verkrampft nach neuen Wegen, doch Marc Heußinger wird das Schiff schon schaukeln. Schließlich ist er ja mit den inneren Zusammenhängen seit Langem vertraut. Zu wünschen bleibt, das Aldi ein verträgliches Konzept findet, das ruhig etwas moderater ausfallen kann, auch wenn der Discounter damit in die zweite Reihe rutschen sollte. Alternativen zu Konzernbewegungen bieten allzeit diverse Franchise-Unternehmen.

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